Der Kampf um die Arbeitszeit

Ein Schrecken fährt durch Österreich: Der 12-Stunden-Tag. Die, die ihn durchpeitschen, reden von einer Lügenkampagne dagegen (ist sie nicht), meinen, es sei freiwillig (ist es nicht), sagen, dass sich dadurch für die Arbeiter_innen alles verbessert (tut es sich nicht).

Gleichzeitig stellt Schweden die Weichen auf den 6-Stunden-Tag, der dort für mehr Produktivität sorgen soll.

Wer davon ist Fantast, wer der Realist? Wie viel Arbeit braucht & verträgt ein Mensch?

Ein Blick zurück in die entfernte Vergangenheit zeigt uns schnell, was wir wohl erwarten würden: Menschen arbeiteten so lange, bis sie ihr Überleben gesichert hatten. Das konnten bei der überwiegend bäuerlichen Bevölkerung zur Haupterntezeit auch mal 10 Stunden sein, wobei gut ein Drittel dieser Zeit für ausgiebige Pausen genutzt wurde. Diese de facto 7 Arbeitsstunden waren aber selbst in der produktivsten Zeit des Jahres weit nicht die Norm, und religiöse Feiertage bescherten freie Tage, von denen Arbeiter_innen heute oft nur träumen können. Über’s Jahr gerechnet können wir also von 15-Stunden-Wochen sprechen.

Wie kam’s also dazu, dass wir die 40-Stunden-Woche als Errungenschaft sehen?

Als der industrielle Kapitalismus Ende des 18. Jahrhunderts in Großbritannien aufkam, war’s vorbei mit der Arbeit-um-auszukommen. Es wurde mehr produziert als benötigt wurde, da die Kapitalisten nicht ihre Arbeiter_innen erhalten, sondern Handel mit dem Überschuss betreiben wollten. Zu Beginn lag die Arbeitszeit noch bei 8-10 Stunden, da die von der Landarbeit in die Städte getriebenen Menschen es gewohnt waren, nach der Sonne aufzustehen und schlafen zu gehen und einem langsameren Arbeitsrhythmus zu folge. Die Toleranz dafür sank schnell: Schon 1830 waren 18-Stunden-Tage keine Ausnahme mehr.

Das erste gesetzliche Einschränken dieser enormen Ausbeutung kam zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als z.B. im britischen “Factory Act” 1847 Kinderarbeit bis zum 13. Lebensjahr auf 8-Stunden-Tage beschränkt wurde, für alle über 13 auf 10-12 Stunden. Dies lag allerdings nicht an der Barmherzigkeit der Kapitalisten und Regierenden: Es stellte sich heraus, dass durch diese Überarbeitung ihr “Humankapital” schnellen Verschleiß zeigte und es wirtschaftlicher ist, die Belegschaften zu schonen als sie laufend austauschen zu müssen. Allerdings brauchte es dennoch zuerst den Druck der Regierenden, die mit den Folgen dieser Ausbeutung konfrontiert waren: In Österreich-Ungarn waren etwa bis zu 60% aller Männer untauglich dafür, in den Krieg zu ziehen.

Die aufkommende Arbeiter_innen-Bewegung wollte natürlich nicht einfach “wertvolles Humankapital” bleiben, und hatte auch andere Ziele als mit mehr Elan auf dem Schlachtfeld zu sterben. Die Forderung nach dem generellen 8-Stunden-Tag kam erstmals vom Frühsozialisten Robert Owen, der durch die Einführung des Genossenschaftswesens in seinen Fabriken Bekanntheit erlangte. Erste Streiks, die den 8-Stunde-Tag erzwangen, gab es zuerst in Neuseeland und 1856 in Teilen Australiens. 1866 forderte schließlich die 1. Internationale den 8-Stunden-Tag und verlieh dieser Forderung auch Nachdruck mit Streiks, die ab 1890 weltweit den 1. Mai einnahmen.

Seine europäische Erfolgsgeschichte begann mit der Oktoberrevolution, die den 8-Stunden-Tag im damaligen Sowjetrussland einführte. Da infolgedessen in ganz Europa Arbeitskämpfe tobten, musste z.B. in Österreich ebenfalls der 8-Stunden-Tag mit 1. Jänner 1919 gesetzlich verankert werden, um die Arbeiter_innen zu besänftigen.

Leider wurde der 8-Stunden-Tag, wie auch viele andere soziale Errungenschaften, im Zuge der Machtübernahme der Faschisten durch Ausnahmeregelungen untergraben. Auch wurden Betriebsräten und Gewerkschaften die Möglichkeit genommen, gegen Verstöße einzuschreiten. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit stieg dadurch von 48 auf bis zu 60 Stunden.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde der 8-Stunden-Tag erneut eingeführt. Jetzt ging’s weiter: Einführung der 5-Tage-Woche war das Ziel. Über das Verbot der Sonntagsarbeit und die Kampagne für den freien Samstag verringerte man die Wochenarbeitszeit von 56 bis 1975 auf letztendlich 40 Stunden. Im ÖGB wurden da schon Forderungen nach einer 35-Stunden-Woche laut, auch 32 Stunden wurden diskutiert. In letzter Zeit gibt man sich da wieder gemäßigter, so fordert man eine weitere Arbeitszeitverkürzung, aber ohne konkrete Zahlen zu nennen.

Es waren lange und harte Kämpfe die uns schließlich das gebracht haben was wir heute haben. 8-Stunden sind die Regelarbeitszeit, wer darüber arbeitet bekommt Ausgleich entweder durch Überstundenzuschläge oder darf sich die Extra-Stunden an einem anderen Zeitpunkt freinehmen.

Doch das was wir erreicht haben, müssen wir verteidigen! In anderen Ländern wo man fortschrittlicher war, deuten alle Zeichen auf Rückschritt. In Frankreich, wo sogar schon die 35-Stundenwoche Gesetz war, wurde diese durch zahlreiche Sonderregelungen ausgehebelt. Der Durchschnittsfranzose arbeitet im Schnitt 41,9 Stunden. Präsident Macron will jetzt generell das Aus der 35-Stundenwoche und ein Zurück in die frühkapitalistische Vergangenheit. Auch in Deutschland war schon in vielen Tarifverträgen die 35-Stundenwoche enthalten, doch auch hier ist man von Gewerkschaftsseite den Unternehmern „entgegengekommen“ und gab sich wieder mit 38 Stunden zufrieden.

Doch es geht nicht nur darum zu verteidigen was wir haben, wir müssen mehr fordern! Die 30-Stunden-Woche klingt nur angesichts der Zustände im Frühkapitalismus stark; tatsächlich würden wir mit dieser Arbeitszeitverkürzung noch immer zu den überarbeitetsten Menschen der Menschheitsgeschichte gehören.

Diese 30-Stunden-Woche ist allerdings nicht ein persönlicher Wunsch, sie ist eine Notwendigkeit: Durch Steigerung der Effizienz und Automatisierung wird, selbst für Überschuss, immer weniger menschliche Arbeit benötigt. Diese Arbeit muss fairer verteilt werden, damit jeder einen sicheren Arbeitsplatz bekommt. Wenn wir noch die alten Arbeitszeitregeln des frühen Kapitalismus hätten, wir hätten eine um ein vielfaches höhere Arbeitslosenquote. Wer die Arbeitslosigkeit senken will, muss die Arbeitszeit verringern.

Auch die Forderung nach der 6. Urlaubswoche für alle muss endlich umgesetzt werden. Man sollte anfangen, die 7. Urlaubswoche zu fordern und darf sich nicht damit begnügen, die absurdesten Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen abzuwehren.

Vielleicht sind diese Forderungen noch alle zu sanft. Die Automatisierung zeigt, dass aktuell wird, was die Industrial Workers of the World bereits 1920 forderten: 4-Stunden-Tag und 4-Tage-Woche!