Warum ein Austritt aus dem ÖGB nichts bringt

Ich habe auch schon daran gedacht; als ich Jugendvertrauensrat wurde und es mir als Linken Abweichler offenbar schwer gemacht wurde mein Mandat für die Linke Fraktion zu deklarieren, als der damalige ÖGB-Präsident Erich Foglar meinte die SPÖ müsse eine Koalition mit der FPÖ vorbereiten und immer wieder als der ÖGB in der Öffentlichkeit mit einer schwachen Performance aufgefallen ist wenn eigentlich beinharter Widerstand nötig gewesen wäre. Jedesmal dachte ich: „Jetzt reichts, jetzt trete ich aus!“ Doch das waren plötzliche impulsive Gedanken, ich kam immer gleich zur Vernunft. Die Wahrheit ist: Ein Austritt aus dem ÖGB bringt überhaupt nichts. 

Es gibt mehrere Argumente die genannt werden warum ein Austritt aus dem ÖGB etwas bringen würde, doch wenn man sich genauer informiert wird man feststellen dass die alle Unsinn sind.

 

Ein Austritt von vielen Mitgliedern wird dem ÖGB zu denken geben!

Das Argument dass am meisten genannt wird wenn jemand austreten will wenn ihm der ÖGB nicht kämpferisch genug ist: Angeblich würde der ÖGB wieder kämpferischer werden wenn nur genug Leute austreten würden, dann müsse er wieder mehr kämpfen um diese Leute zurückzugewinnen. Dumm nur dass diese Strategie in anderen Ländern noch nie aufgegangen ist; z.B. in den USA. Hier haben die großen Gewerkschaften ihren Kurs des Anbiedern an die Konzerne seit dem Zweiten Weltkrieg nicht geändert, obwohl ihr Organisationsgrad von fast 50% auf unter 10% gesunken ist!  Weiters kommt dazu dass der ÖGB durch den BAWAG-Skandal und den Ausverkauf der  Verstaatlichten Industrie bereits mehrere hunderttausend Mitglieder verloren und trotzdem seinen Kurs beibehalten hat.

Und was man nicht übersehen darf; Die meisten Mitglieder des ÖGB sind mit den jetzigen Kurs halbwegs zufrieden. Das heißt selbst wenn der ÖGB nochmals viele Mitglieder verlieren würde, es gäbe garantiert keinen Kurswechsel hin zu mehr Streiks und Kämpfen. Im Gegenteil, da die kämpferischen Mitglieder ja weg wären würde sich der ÖGB noch mehr mäßigen.

 

Man muss etwas Neues aufbauen, außerhalb der verkrusteten Bürokratie des ÖGB!

Auch etwas dass man sehr oft hört; Wenn man genug Menschen sammelt kann man eine neue Gewerkschaft außerhalb des ÖGB aufbauen. Das wurde auch schon sehr oft probiert, zuletzt 2015 die „unabhängige Ärztegewerkschaft“ Asklepios, von angestellten Ärzten wegen Unzufriedenheit mit der etablierten Gewerkschaftspolitik und der Zerspitterung zwischen den Teilgewerkschaften des ÖGB, im Gesundheitsbereich sind sowohl die GÖD, die younion, die GPA-djp und die vida zuständig. In anderen Ländern haben solche Spartengewerkschaften längere Tradition, vor allen in Deutschland. Doch Österreich ist anders; Hier ist es zwar möglich eine Gewerkschaft außerhalb des ÖGB zu gründen (eine Gewerkschaft ist im Grunde nichts anderes als ein Verein) doch für Kollektivverträge streiten darf nur der ÖGB. Das liegt an der engen Verknüpfung des ÖGB mit beiden großen Volksparteien, die dafür sorgen dass die Einheitsgewerkschaft alleine für alle Fragen in der Lohnverhandlung zuständig ist. Und selbst wenn man Erfolg hätte mit den neuen kleinen Gewerkschaften, es besteht die Gefahr dass so die Unternehmerseite leicht die Gründung einer neuen Gewerkschaft unterstütz um so einen zahmeren Verhandlungsparnter zu bekommen. Erst vor kurzem hat Real in Deutschland in letzter Minute den bereits ausgehandelten Tarifvertrag mit der DGB-Gewerkschaft ver.di aufgekündigt und stattdessen mit der Pseudo-Gewerkschaft DHV einen Tarifvertrag abgeschlossen, zu deutlich schlechteren Bedingungen. ver.di hat deswegen sogar zum Streik aufgerufen.

In Österreich gibt es auch bereits so eine Gewerkschaft, die „Freie Gewerkschaft Österreichs“. Sie wurde 1998 von FPÖ-Funktionären gegründet die  so eine unternehmerfreundliche, rechte Gewerkschaft ins Leben rufen  und so den ÖGB schwächen wollten. Doch aufgrund der defacto Monopolstellung des ÖGB könnte sie noch keinen Schaden anrichten, nur bei der Personalvertretung des Bundesheeres hat sie eine echte Bedeutung, sonst ist sie praktisch nicht existent.

 

Gewerkschaften sind sowieso veraltet, was es jetzt braucht sind neue soziale Bewegungen!

Eine Argumentation die sowohl Unternehmensverbände als auch viele Linksliberale teilen; „Gewerkschaften sind von gestern“, natürlich aus verschiedenen Gründen. Vor allen NGOs die sich für Umweltschutz einsetzen sehen in den Gewerkschaften keine Verbündete, da sie sich natürlich für den Erhalt von Arbeitsplätzen einsetzen, auch in Bereichen die der Umwelt schaden. Doch auch hier kommt es natürlich wieder genau darauf an wer Mitglied in den Gewerkschaften ist; wenn diejenigen denen die Umwelt am Herzen liegt aus der Gewerkschaft austreten, dann wird ja keiner damit ein Problem haben wenn man sich weniger für Jobs im nachhaltigen Bereich einsetzt. Genauso ist es wenn vielfach kritisiert wird dass sich die Gewerkschaften zu sehr auf nationale Grenzen beschränken während die großen Konzerne weltweit wirtschaften. Es gibt zwar offizielle internationale Gewerkschaftliche Vernetzungen, doch die sind meistens nichts anderes als Papiertiger die nicht mehr machen als Grußworte zu wechseln. Dafür gibt es erste internationale Vernetzungen an der Basis, z.b. Länderübergreifende Streiks bei Amazon und Ryanair.

Auch das die Gewerkschaften zu wenig auf die neuen Technologien geschaut haben stimmt, doch auch hier wird nachgebessert. Es gab schon erste Streiks von Scheinselbstständigen bei Unternehmen wie Uber, und die Fahrradzusteller von foodora haben kürzlich einen Betriebsrat gegründet.

Gewerkschaften und Soziale Bewegungen schließen sich nicht aus, im Gegenteil: Ein erwähnenswertes Beispiel aus Österreich wäre die Solidarwerkstatt, eine Initiative die sich sowohl für traditionelle Gewerkschaftliche Themen wie Sozialstaat sichern als auch für ökologische Bereiche wie den Ausbau des öffentlichen Verkehrsnetzes einsetzt. Der Obmann ist gleichzeitig bedeutender Gewerkschafter in der vida.

 

Was wirklich etwas bringt

Wenn einem der ÖGB nicht kämpferisch genug ist gibt es vieles was man tun kann; am meisten wurden wir uns von der Linken Gewerkschaftsjugend freuen wenn man dem Gewerkschaftlichen Linksblock beitritt und eventuell sein Betriebsratsmandat deklariert, und so die klassenkämpferische Fraktion im ÖGB stärkt.

Aber es gibt auch andere Möglichkeiten. Man kann einer kämpferischen Basisgruppe beitreten, so gibt es die Gruppe ÖGB aufrütteln, es gibt auch Initiativen in den Fachgewerkschaften, z.B. die Iniative „Wir sind sozial aber nicht blöd“ in den Gesundheits- und Sozialberufen.

Das wichtigste ist jedenfalls sofort zu sagen was einem nicht passt und selbst aktiv zu werden! Dein Betriebsrat ist zu sehr Freund mit dem Chef? Dann kandidiere selbst! Dann kannst du es ja vielleicht besser machten.

Alles ist auf jeden Fall besser als die beleidigte Leberwurst zu spielen und die Gewerkschaft zu verlassen. Das hilft nur der anderen Seite.