Durch Boykott zu Besserer Arbeit?

Grade ist das Fest der Liebe (oder des Konsums) vorbei, die letzten Verwandten sind nach Hause gefahren (oder vertrieben worden) – also Zeit, Bilanz zu ziehen über die milden Gaben der Liebsten. Mancher hat mit seinem Geschenk ins Schwarze getroffen, andere haben sich Mühe gegeben. Kein Problem heute, man kann das fehlerhafte Geschenk zurückschicken und der Paketbote nimmt sie wieder mit – so wie sie bereits gekommen sind.

So oder so ähnlich wird es bei vielen Österreichern im späten Dezember oder Jänner aussehen – das Geschenk wird online bestellt, falls irgendwas nicht passt wird es wieder retourniert und danach von den Internethändlern meist entsorgt, da sich neu verpacken und einlagern nicht lohnt.

Es wird natürlich nicht mit der Moralkeule gespart, da doch durch den Internethandel Menschen ausgebeutet werden und die ganzen weggeworfenen Rücksendungen doch für die Umwelt eine Katastrophe sind! Deswegen gehört es schon fast zum linksliberalen Tischgebet am heiligen Abend, die bösen Menschen die Waren über das Internet bestellen zu ächten. Auch wer über Apps Essen bestellt, welches von Uber Eats oder Foodora geliefert wird, oder statt mit Öffis mit Uber fährt muss sich den Vorwurf gefallen lassen an der Ausbeutung der Kuriere Schuld zu sein.

Doch die Wahrheit sieht anders aus. Wer darauf verzichtet Waren oder Essen online zu bestellen, ändert gar nichts am bestehenden kapitalistischen System.

Zuerst das Argument mit dem Wegwerfen der Retourwaren. Natürlich ist das eine extreme Verschwendung von Ressourcen, aber im normalen Einzelhandel wird das nicht anders gemacht. Wenn ein Produkt, aus welchen Grund auch immer, zurückgegeben wird, muss es entsorgt werden. Ich arbeite selbst seit mehreren Jahren im Einzelhandel: Ich habe oft Produkte weggeworfen, die eigentlich noch gut gewesen wären und nur einen kleinen optischen Makel hatten, doch bis auf teuere Sonderprodukte wurde alles entsorgt. Mein Arbeitgeber kalkuliert genau wie Amazon, was sich nicht rentiert neu zu verpacken wird entsorgt. Das ist kapitalistische Logik, jeder Konzern im Einzelhandel wirft die meisten Produkte die zurückgegeben werden weg.

Auch was die Arbeitsbedingungen angeht ist es nicht anders: Oft wird gesagt, wer aus Faulheit im Internet bestellt sorgt dafür dass Paketfahrer stressige Arbeitstage haben, man solle stattdessen in ein Geschäft gehen und dort kaufen. Aber wer ein spezielles Ersatzteil oder Produkt benötigt muss auch hier bestellen; z.B. Wer umweltbewusst denkt und seine alte Bohrmaschine nicht gleich wegwerfen will, muss entweder in einer Filiale die Maschine zum Reparieren schicken oder ein Ersatzteil liefern lassen. Und wie werden Maschine und Ersatzteil geliefert? Genau, über den Paketdienst! Auch ein großer Teil der normalen Handelsware wird mittlerweile mit Paketen geschickt, nur größere Lieferungen kommen noch per LKW – und viele LKW-Fahrer haben es keinen  Deut besser als die Paketfahrer! Auch hier sind viele Scheinselbstständige unterwegs, die nur mit Tricksereien und dem Ignorieren der gesetzlich festgeschriebenen Pausenzeiten und Sicherheitsvorschriften am Ende des Tages überhaupt mit Gewinn rechnen können.

Was man nicht vergessen darf: Der Kapitalismus ist fähig sich neuen Gegebenheiten bestens anzupassen. Du musst zwölf Stunden arbeiten und hast keine Zeit mehr zum Kochen und Einkaufen? Kein Problem, kauf bei Amazon und bestell dir dein Essen bei Foodora! So entsteht ein Teufelskreislauf, in dem die Prekären darauf angewiesen sind dass andere Arbeiter immer prekärer und auf Abruf arbeiten, immer flexibler, immer schneller, immer besser. Mit Moralpredigten kann man hier nichts verbessern.

Die Betroffenen müssen selbst aktiv werden. Und es ist auch schon viel passiert: Bei Amazon kommt es regelmäßig zu Streiks, bei vielen Fahrradkurierdiensten wird mittlerweile ein Betriebsrat gegründet und es gab auch schon erste Streiks von scheinselbstständigen Uber-Fahrern.

Wir als Linke Gewerkschafter müssen uns dafür einsetzen dass der Staat die Rahmenbedingungen wieder gerechter gestaltet; z.B. durch eine Re-Verstaatlichung der Post, seit der Privatisierung wurden viele arbeitsrechtliche Standards aufgeweicht. Weiters braucht es eine Generalhaftung für Logistikunternehmer, damit man sich nicht mit scheinselbstständigen Subspediteuren ausreden kann um nicht auf Arbeitsrecht und Sicherheitsstandards zu achten. Das Wichtigste: Die Gewerkschaften müssen grenzüberschreitend zusammenarbeiten, die Konzerne achten schon lange nicht mehr auf nationale Grenzen und lassen Fahrer wenn nötig für ein paar Monate in einen Wohncontainer hausen, wenn die Arbeitervertreter nicht nachziehen und internationale Gegenmaßnahmen einleiten haben sie keine Chance.